Massive Kürzungen bedrohen weitere Digitalisierung und Sicherung des kulturellen Erbes in Sachsen
15.09.2026, 11:54 Uhr — Erstveröffentlichung (aktuell)
Seit zehn Jahren leistet Sachsen Pionierarbeit: Der Freistaat unterstützt über das Landesdigitalisierungsprogramm für Wissenschaft und Kultur (LDP) und das Programm zur Sicherung des audiovisuellen Erbes in Sachsen (SAVE) die Digitalisierung sächsischen Kulturguts und sorgt damit für Sichtbarkeit, Vermittlung, Erforschung und Sicherung des kulturellen und historischen Erbes. So wurden bereits mehr als 18 Millionen Textseiten und Bilder sowie in Kooperation mit dem Filmverband Sachsen über 110.000 Spielminuten Ton- und Filmaufnahmen weltweit zugänglich gemacht. Allein 2025 gab es rund sechs Millionen Zugriffe auf die Digitalisate. Damit wird Sachsens kulturelles Erbe digital für kommende Generationen gesichert und ist nicht nur national, sondern auch international sichtbar.
»Mit den beiden Landesprogrammen LDP und SAVE nimmt der Freistaat bislang eine bundesweite Vorreiterrolle ein«, erklärt Katrin Stump, Generaldirektorin der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) Dresden. »Durch die zentralisierte Infrastruktur in der SLUB Dresden hat Sachsen in den vergangenen Jahren sehr effiziente, kostengünstige und standardisierte Workflows zur Digitalisierung sowie zur digitalen Präsentation und Sicherung aufgebaut, von denen bereits rund 150 öffentliche und private Sammlungen und mehr als 300 Orte in ganz Sachsen profitieren konnten. Gleichwohl bleibt noch viel zu tun, und es ist von enormer Bedeutung für Forschung, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe, dass wir diese Arbeit in den kommenden Jahren fortführen.«
Die Fortsetzung der Digitalisierung für zahlreiche sächsische Einrichtungen, Partner und Initiativen ist durch die geplanten massiven Kürzungen bei den beiden Landesprogrammen LDP und bei SAVE im Entwurf des Doppelhaushaltes 2027/28 gefährdet.
Katrin Stump erläutert: »Mit den im Regierungsentwurf geplanten Mitteln könnten wir in erster Linie die vorhandenen Digitalisate zugänglich halten, da die digitale Langzeitarchivierung einen Großteil der Gelder beanspruchen würde. Eine umfassende Digitalisierung weiterer historischer Dokumente und Filme wäre nicht möglich. Einrichtungen im Freistaat wären bei der Digitalisierung des kulturellen Erbes somit auf sich gestellt. Statt einer etablierten zentralen Infrastruktur müssten teurere Einzellösungen her, die sich gerade viele Einrichtungen und Akteure im ländlichen Raum nicht leisten können. Insbesondere beim audiovisuellen Erbe besteht zudem die Gefahr, dass bedeutende Zeitzeugnisse aufgrund des drohenden Materialzerfalls für immer verloren gehen, wenn wir sie nicht in den kommenden Jahren digitalisieren.«
Sachsen digital: Zeitzeugnisse von Bautzen bis Zwickau weltweit zugänglich
Vom Sorbischen Institut in Bautzen bis zum Robert-Schumann-Haus in Zwickau: Aus zahlreichen Einrichtungen und Privatsammlungen konnten in den vergangenen Jahren bedeutende Zeitzeugnisse wie historische regionale Tageszeitungen und Wochenschauen sowie Texte, Fotografien und Filmmaterial zur sächsischen Industrie-, Sport-, Musik- und Alltagskultur digitalisiert werden. Sie dokumentieren gesellschaftliche und politische Umbrüche und geben Einblicke in kulturelle Praktiken im Wandel der Zeit. Die oft von natürlichen Zerfallsprozessen bedrohten Medien werden durch die Digitalisierung nicht nur für kommende Generationen bewahrt, sondern zum Teil erstmals öffentlich nutzbar gemacht. Sie werden nach international anerkannten Standards erschlossen, auf www.sachsen.digital sowie in der SLUB-Mediathek online zugänglich gemacht und langzeitarchiviert. Die SLUB Dresden entwickelt sachsen.digital derzeit zum zentralen Quellenportal für Sachsens Kulturerbe weiter, sodass mit dem Relaunch historische Dokumente und audiovisuelle Medien an einem Ort abrufbar sein werden. Sie sind vielfältig nutzbar: für die regionale, nationale und internationale Forschung ebenso wie für Schulen und weitere Bildungseinrichtungen, Kulturprojekte oder bürgerwissenschaftliche Initiativen. Damit tragen sie zur kulturellen Identitätsbildung bei und stärken gesellschaftliche Teilhabe.
Daniela Simon vom Deutschen Stuhlbaumuseum in Rabenau betont: »Ohne das Landesdigitalisierungsprogramm wären unsere Schätze nicht so sichtbar und vor allem nicht nutzbar. Das kann ein einzelnes Museum kaum leisten und unser kleines Haus schon gar nicht. Erst seit wir in verschiedenen digitalen Formaten unsere Schätze zeigen können, haben sich zahlreiche Möbel- und Designexperten, Sammler, Wissenschaftler, Schriftsteller und Museumsfachleute an uns gewandt, um mit den erfassten Daten arbeiten zu können. Heute hat digitale Sichtbarkeit für unser Museum einen so hohen Stellenwert wie das Bewahren der analogen Objekte selbst.«
Auch sorbisches Kulturerbe aus verschiedenen sächsischen Institutionen konnte dank der Landesprogramme umfassend digitalisiert werden. Über das LDP wurden historische Fotografien sowie sorbische Hand- und Druckschriften aus dem Sorbischen Institut, aus Kirchgemeinden und der Diözesanbibliothek des Bistums Dresden-Meißen digitalisiert und über SAVE historische Filmaufnahmen. So entsteht ein vielfältiges Bild sorbischer Kultur mit fotografischen und audiovisuellen Medien, die Straßen- und Alltagsszenen, Architektur im ländlichen Raum, Arbeitsweisen und traditionelles Handwerk, Trachten und Bräuche zeigen. Sorbische Handschriften und Drucke geben darüber hinaus Einblicke in Sprache, Bildungswesen und Religion und können durch die Volltexterkennung nun auch gezielt für die Weiterentwicklung Künstlicher Intelligenz bei der Sprachübersetzung aus dem Sorbischen genutzt werden. Besonders bedeutend sind die filmischen Dokumentationen von Bräuchen und Tänzen, denn sie bewahren den Blick auf Traditionen, die nur im Bewegtbild festgehalten werden können.
Kulturelles Erbe von natürlichen Zerfallsprozessen bedroht
Es ist essenziell, Sachsens kulturelles Erbe in den kommenden Jahren kontinuierlich weiter zu digitalisieren, denn ein großer Teil wichtiger Zeitzeugnisse schlummert noch in Einrichtungen und Privatsammlungen. Zudem bedrohen natürliche Zerfallsprozesse die verschiedenen Materialien der Originale. Regionale Zeitungen und Zeitschriften aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert sind beispielsweise durch säurebedingten Papierzerfall gefährdet. Als wichtige Quelle für die Regionalgeschichte werden sie von Ortschronisten, Heimatforschenden und der universitären Forschung besonders stark nachgefragt. Häufig sind sie nur in kleineren Einrichtungen oder Privatsammlungen vorhanden und werden durch die Digitalisierung erstmals öffentlich nachgewiesen.
In noch größerem Maße gefährdet sind audiovisuelle Medien, da Magnetbänder wie zum Beispiel VHS und Tonbänder nur wenige Jahrzehnte halten. Die digitale Sicherung des Materials ist daher besonders dringend, und das SAVE-Programm wird deshalb auch in anderen Bundesländern als wegweisend wahrgenommen.
Kontakt
Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
Pressesprecherin Annemarie GrohmannTelefon: +49 351 4677 342E-Mail: Annemarie.grohmann@slub-dresden.deMedienobjekte
- [Foto] LDP Sicherung sorbischen Kulturerbes
- [Foto] SAVE_Vorbereitung Digitalisierung
- [Foto] SAVE_Magnetbänder gefährdet
- [Foto] LDP: Stuhlbaumuseum Rabenau
- [Foto] LDP: Sächsisches Wirtschaftsarchiv
- [Foto] LDP: Geburtsschein Carl Benjamin Preuskers
- [Foto] SAVE: Borna
- [Foto] SAVE: Deutsches Damast- und Frottiermuseum Großschönau
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- SAVE_Vorbereitung Digitalisierung (JPG; 3 MB)
- SAVE_Magnetbänder gefährdet (JPG; 300 kB)
- LDP: Stuhlbaumuseum Rabenau (JPG; 4 MB)
- LDP: Sächsisches Wirtschaftsarchiv (JPG; 2 MB)
- LDP: Geburtsschein Carl Benjamin Preuskers (JPG; 1 MB)
- SAVE: Borna (JPG; 300 kB)
- SAVE: Deutsches Damast- und Frottiermuseum Großschönau (JPG; 300 kB)
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