Polizei Sachsen stellt Studie des Forschungsprojekts »Geschlecht und Polizei« vor

07.10.2026, 11:20 Uhr — Erstveröffentlichung (aktuell)

Dresden – In einem Pressegespräch stellen Prof. Dr. Thomas Schmidt-Lux (Universität Leipzig) und Prof. Dr. Marcel Schöne (Hochschule der Sächsischen Polizei, FH) gemeinsam mit dem Landespolizeipräsidenten Jörg Kubiessa die Ergebnisse der Studie »Sexismus im Dienst. Der polizeiliche Alltag und sexistische Diskriminierung« der Universität Leipzig vor. Diese ist im Rahmen des Forschungsprojekts »Geschlecht und Polizei« des Sächsischen Instituts für Polizei- und Sicherheitsforschung (SIPS) als erster Teil entstanden. Der Forschungsbericht ist im Verlag Polizeiwissenschaft erschienen.

Grundlage der insgesamt acht Einzelstudien sind 23 leitfadengestützte Interviews mit Polizistinnen und Polizisten unterschiedlicher Dienstgrade, Einsatzorte, Funktionen und Erfahrungen, die zwischen November 2023 und April 2024 geführt wurden.

Diese qualitative Interviewstudie erlaubt zwar kein Gesamtbild und keine repräsentative Quantifizierung, bietet aber vertiefte Einblicke in typische Erscheinungsformen, individuelle Erfahrungen und deren Entstehungskontexte. Auf der Grundlage der so gewonnenen Erkenntnisse hat das SIPS im zweiten Projektschritt eine quantitative Beschäftigtenbefragung durchgeführt, die derzeit ausgewertet wird.

Für Landespolizeipräsident Jörg Kubiessa ist klar: »Polizeiarbeit lebt von Vertrauen. Vom Vertrauen der Menschen in unsere Arbeit – aber genauso vom Vertrauen der Kolleginnen und Kollegen innerhalb unserer Organisation. Deshalb müssen wir als Polizei bereit sein, nicht nur auf gesellschaftliche Entwicklungen zu schauen, sondern auch auf uns selbst: Auf unsere Führung, auf unsere Organisationskultur und darauf, wie wir miteinander umgehen. Dabei hilft uns die Studie, die heute vorgestellt wird – der unabhängige, wissenschaftliche Blick.«

Prof. Dr. Marcel Schöne, Direktor des SIPS: »Um ein wissenschaftliches Gesamtbild zu erlangen, verfolgen wir im Forschungsprojekt »Geschlecht und Polizei« einen multimethodischen Ansatz. Ausgehend von diesem wichtigen ersten Projektschritt erforschen wir derzeit mit quantitativen Methoden, wie verbreitet die in der Leipziger Studie gezeigten Phänomene sind. Auch darüber werden wir die Öffentlichkeit informieren.«

Zentrale Befunde

1. In der Polizei Sachsen kommen unterschiedliche Formen sexistischer Diskriminierung und sexualisierten Fehlverhaltens vor. Dazu gehören abwertende oder sexualisierte Bemerkungen, geschlechtsspezifische Zuschreibungen und Benachteiligungen sowie körperliche Grenzüberschreitungen.

2. Spezifische Risikokonstellationen begünstigen Grenzüberschreitungen und machen es Betroffenen schwer, diese offen anzusprechen. Dazu gehören hierarchische Abhängigkeitsverhältnisse, enge Gruppenbindung und Unsicherheiten über die Folgen einer Thematisierung. Auch Loyalitätskonflikte spielen eine Rolle: Betroffene wollen ihrem Berufsstand nicht schaden.

3. Vorhandene Anlauf- und Unterstützungsstrukturen sind noch nicht effektiv genug. Meldewege und Vertrauensinstanzen gibt es zwar, sie sind aber noch nicht bekannt genug und werden von Betroffenen nicht als ausreichend zugänglich, verlässlich und wirkungsvoll wahrgenommen.

4. Geschlechtsbezogene Grenzüberschreitungen werden auch von organisationsspezifischen Risikofaktoren begünstigt. Dazu gehören die hierarchische Struktur, die im Einsatz notwendige enge Gruppenbindung sowie die von männlichen Umgangsformen und Biographien geprägte Organisationskultur.

Sophia Weißer, Mitautorin der Studie, erklärt: »Sexismus versteht sich nicht allein mit dem Blick auf individuelles Fehlverhalten. Wichtig ist auch, die konkreten Gelegenheitsbedingungen und Risikokonstellationen anzusprechen.«

Prof. Dr. Thomas Schmidt-Lux, Leiter der Studie, ergänzt: »Sexismus ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, aber die Erscheinungsformen und Ursachengefüge müssen im jeweiligen Kontext untersucht werden. Unsere Studie zeigt das für die Polizei Sachsen konkret auf und bietet vielerlei Ansatzpunkte für passgenaue Maßnahmen.«

Konsequenzen für die Polizei Sachsen

Landespolizeipräsident Jörg Kubiessa unterstreicht: »Geschlechtsspezifische Diskriminierung und sexualisiertes Fehlverhalten widersprechen unserem beruflichen Selbstverständnis und unserem Anspruch an einen respektvollen Umgang miteinander.

Das Gesamtforschungsprojekt des SIPS steht noch am Anfang und wird in den kommenden Jahren noch weitere Hinweise für unsere innere Führungskultur liefern. Auf der Grundlage dieses ersten Teilprojekts haben wir schon vier konkrete Ansatzpunkte entwickelt, die wir jetzt unmittelbar angehen:

1. Schutz und Vertrauen für Betroffene stärken. Wir überprüfen, wie Melde- und Unterstützungsangebote der Polizei Sachsen so weiterentwickelt werden können, dass Beschäftigte sie kennen, ihnen vertrauen und sie ohne Angst vor Nachteilen nutzen können.

2. Risikokonstellationen erkennen, ohne zu pauschalisieren: Wir richten den Blick auf die in der Studie benannten konkreten Risikofaktoren. Dort schauen wir in Zukunft noch genauer hin, ohne jedoch ganze Bereiche oder Beschäftigtengruppen unter Generalverdacht zu stellen.

3. Führung als Motor des Kulturwandels: Der Umgang mit Sexismus und Grenzüberschreitungen ist eine zentrale Führungsaufgabe. Wir liefern Führungskräften klare Orientierung, um Risikokonstellationen zu begegnen, Betroffene zu unterstützen und Fehlverhalten zu sanktionieren.

4. Selbstkritik und Fehlerkultur machen unsere Organisation stärker: Die konstruktive und öffentliche Auseinandersetzung mit der Studie und ihren Ergebnissen ist für uns als moderne, lernfähige Polizei selbstverständlich.«

Kontakt

Hochschule der Sächsischen Polizei (FH)
Stabsstelle Kommunikation
Tel.: 035891 462930
EMail: medien.polfh@polizei.sachsen.de


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