DGB-Index ‚Gute Arbeit in Sachsen‘ 2024: Migrantische Beschäftigte entlasten bei Personalmangel – Arbeitsqualität stagniert
14.12.2025, 10:00 Uhr — Erstveröffentlichung (aktuell)
Wirtschafts- und Arbeitsminister Panter: »Gute Arbeit ist Grundlage für Fachkräftesicherung«
Wie bewerten Sachsens Beschäftigte ihre Arbeitssituation? Diese Frage beantwortet der jährliche DGB-Index »Gute Arbeit«. Im Fokus der aktuellen Auswertung standen Personalmangel und Fachkräftesicherung.
Erstmalig erfasst: Zuwanderung stärkt Betriebe
Erstmals wurde in Sachsen gezielt nach der Zusammenarbeit mit zugewanderten Kolleginnen und Kollegen gefragt: 37 Prozent der Beschäftigten gaben an, regelmäßig mit Menschen zu arbeiten, die erst seit wenigen Jahren in Deutschland leben. Insgesamt 92 Prozent der Befragten beurteilen diese Zusammenarbeit als gut oder sehr gut.
Angesichts steigender Arbeitsbelastung durch Personalmangel sehen 93 Prozent in der Zuwanderung eine wichtige Unterstützung. Viele Befragte empfinden den Austausch zudem als persönliche Bereicherung. Anfangs bestehende Herausforderungen wie längere Einarbeitung oder Sprachbarrieren verlieren dabei deutlich an Gewicht.
Wirtschafts- und Arbeitsminister Dirk Panter: »Die Ergebnisse zeigen klar: Wo Menschen unterschiedlicher Herkunft gut zusammenarbeiten, entsteht Erfolg. Zuwanderung hilft, den immer größer werdenden Personalmangel zu mildern und ist ein zentraler Baustein der Fachkräftesicherung. Es ist ermutigend, dass dies von den sächsischen Beschäftigten – trotz aller derzeitigen Herausforderungen – so wahrgenommen wird. Denn es ist ein Fakt, dass wir unseren Wohlstand in Zukunft nur sichern können, wenn uns die Integration Zugewanderter gelingt.«
Teilzeit: Reduzierung von Arbeitszeit aufgrund von Belastung
»Die DGB-Studie zeigt, Teilzeitarbeit ist im Freistaat seltener als im bundesweiten Vergleich und sie betrifft vor allem jüngere Frauen. Der Hauptgrund für die Teilzeit ist nicht allein die familiäre Situation, sondern vor allem eine zu hohe Arbeitsbelastung. Es müssen daher Arbeitsbedingungen geschaffen werden, die Vollzeitarbeit ermöglicht, ohne die Gesundheit zu gefährden. Gute Arbeit ist Grundlage für Fachkräftesicherung und Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt«, so Minister Panter.
Vor allem Frauen unter 40 Jahren arbeiten häufiger in Teilzeit. Unter den Gründen für Teilzeitarbeit wird die hohe Arbeitsbelastung in Sachsen häufiger, Kinderbetreuung hingegen seltener angegeben als im Bundesvergleich. Vermutlich versuchen Beschäftigte in Jobs mit Zeitdruck und Arbeitsverdichtung die Arbeitszeit zu reduzieren, um die Gesamtbelastung auf ein annehmbares Maß zu senken.
Gleichwohl bleibt Sorgearbeit – gemeint sind die meist unbezahlten Tätigkeiten wie Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen - ein entscheidender Faktor: 53 Prozent der Teilzeitkräfte nennen dies als Grund für ihre reduzierte Arbeitszeit. Hier könnten weitere betriebliche Angebote helfen, den Anreiz für Teilzeitarbeit zu verringern. In der Befragung wurde deshalb die Existenz betrieblicher Betreuungsangebote, zeitlicher Freistellungen, finanzieller Zuschüsse, flexibler Arbeitszeiten oder auch das Angebot von Homeoffice erhoben. Durchgängig ist die Verfügbarkeit solcher betrieblicher Unterstützungsangebote in Sachsen unterdurchschnittlich. Angesichts der regionalen Betriebsgrößen und Wirtschaftsstruktur sowie der hohen Schichtarbeitsquote bestehen in Sachsen etwas schlechtere Möglichkeiten als in anderen Regionen.
Allerdings gibt es auch unfreiwillige Teilzeitarbeit: Jeder/jede zehnte Teilzeitbeschäftigte im Land gibt an, gerne länger arbeiten zu wollen, aber dies mangels passender Stellen nicht zu können.
Markus Schlimbach, Vorsitzender des DGB Sachsen: »Die Verbesserung der Arbeitsqualität muss in allen Branchen stärker in den Mittelpunkt rücken. Dazu gehört, die Belastungen der Beschäftigten im Arbeitsalltag abzubauen. Der Personalmangel in manchen Branchen hat den Druck und die Verdichtung der Arbeit weiter verschärft. Hinzu kommt die in Sachsen im Vergleich zu ganz Deutschland weit verbreitete Schichtarbeit, die zu einer höheren Arbeitsbelastung führt. Wenn 46 Prozent der Beschäftigten angeben, ihre aktuelle Tätigkeit nicht bis zur Rente durchzuhalten, ist das ein deutliches Warnsignal. Im ohnehin mit Personalmangel kämpfenden Gesundheits- und Sozialwesen sind es sogar 62 Prozent. Die Arbeitgeber sind gefordert, die Belastungen in Zusammenarbeit mit den Betriebs- und Personalräten zu senken und damit die Arbeitszufriedenheit zu verbessern. Denn auch die Bereitschaft der Beschäftigten, den Job zu wechseln, ist nicht gering. An die Politik appelliere ich, sich die Arbeitsrealität genau anzusehen und nicht mit Kürzungsdebatten bei der sozialen Sicherheit und unsinnigen Verlängerungsdebatten bei der Arbeitszeit zusätzlich zur Verunsicherung der Beschäftigten beizutragen.«
Weitere zentrale Ergebnisse Überblick
Arbeitsqualität tritt auf der Stelle
Gefragt nach den wahrgenommenen Arbeitsbedingungen aus Sicht der Beschäftigten tritt nach Jahren des Anstiegs die Arbeitsqualität in Sachsen auf der Stelle. In Ostdeutschland und bundesweit ist hingegen ein leichter Anstieg zu verzeichnen. Größere Zufriedenheit mit dem Einkommen stehen in Sachsen zunehmende Sorgen um Arbeitsplatz- und Zukunftssicherheit gegenüber – besonders in den Bereichen Industrie, Verkehr, Logistik und Handel, wo sich die wirtschaftliche Lage zuletzt eingetrübt hat.
Geschlechterunterschied schrumpft
Frauen und Männer bewerten ihre Arbeitsbedingungen in Sachsen inzwischen nahezu gleich. Dies ist jedoch vor allem darauf zurückzuführen, dass Männer ihre Arbeitsbedingungen schlechter bewerten – insbesondere im Hinblick auf Beschäftigungssicherheit/ berufliche Zukunftssicherheit. Gleichzeitig ist die Einkommenszufriedenheit von Frauen gestiegen.
Schichtarbeit bleibt Belastungsfaktor
Schichtarbeit ist in Sachsen rund doppelt so oft verbreitet wie im Bundesdurchschnitt und einer der Hauptgründe für geringere Arbeitszufriedenheit. Sie geht mit hoher körperlicher und psychischer Belastung sowie ungünstigen Arbeitszeiten einher. Besonders betroffen sind Beschäftigte in Gesundheits- und Sozialwesen, Handel, Logistik, im verarbeitenden Gewerbe sowie in einfachen und wirtschaftsnahen Dienstleistungen. Der deutlich höhere Anteil an Schichtarbeit in Sachsen liegt zum einen an der überdurchschnittlich industriellen Wirtschaftsstruktur und großen Clustern in schichtintensiven Branchen wie Industrie, Verkehr/Logistik, Gesundheitswesen und Gastgewerbe.
Weniger als die Hälfte glaubt an Arbeit bis zur Rente
46 Prozent der Beschäftigten in Sachsen halten es für unwahrscheinlich, ihre aktuelle Tätigkeit unter den bestehenden Arbeitsbedingungen bis zum gesetzlichen Rentenalter uneingeschränkt ausüben zu können – mehr als der Bundesdurchschnitt von 42 Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr (45 Prozent) und zum Jahr 2022 (43 Prozent) hat sich dieser Wert in Sachsen weiter erhöht. Besonders betroffen sind Berufe mit hohen körperlichen und psychischen Anforderungen sowie Beschäftigte im Schichtdienst (z. B. in Pflege und Gesundheitsberufen, in der Industrieproduktion, bei Rettungsdiensten oder in Transport und Logistik).
Hintergrund:
Die jährliche Befragung für den DGB-Index Gute Arbeit ermöglicht seit 2016 Aussagen zu den wahrgenommenen Arbeitsbedingungen aus Sicht der Beschäftigten.
Der Gesamtindex ‚Gute Arbeit‘ (wahrgenommene Arbeitsqualität) setzt sich aus drei Teilindizes zusammen: Ressourcen (z. B. Einfluss- und Weiterbildungsmöglichkeiten), Belastungen (z. B. durch körperliche und psychische Anforderungen) sowie Einkommen und Sicherheit (einschließlich der Bewertung des erwarteten Rentenniveaus).
Bei der Erhebung von Dezember 2023 bis Mai 2024 wurden bundesweit 6.266 und im Freistaat Sachsen 1.009 Beschäftigte telefonisch befragt.
Der DGB-Index Gute Arbeit in Sachsen 2024 ist unter den beigefügten Links in der Kurz- und Langfassung abrufbar.