Siedlung aus dem 3. bis 5. Jahrhundert n.Chr. bei Liebersee (Belgern-Schildau) ausgegraben

13.05.2026, 14:40 Uhr — Erstveröffentlichung (aktuell)

Nachweis für selbstversorgende Siedelgemeinschaft und Textilproduktion

In Liebersee, einem Ortsteil der Stadt Belgern-Schildau wird Kies abgebaut. Bevor der Tagebau ein neues Abbaufeld erschließen wird, untersuchte das Landesamt für Archäologie Sachsen (LfA) von Anfang Dezember 2025 bis Mitte April 2026 die zukünftige Abbaufläche.
Liebersee liegt am linken Rand des sächsischen Elbtals zwischen Riesa und Torgau. Diese Region ist aufgrund günstiger naturräumlicher Voraussetzungen schon seit Jahrtausenden ein bevorzugtes Siedelgebiet, so dass es sich hier um eine sehr dichte archäologische Fundlandschaft mit zahlreichen bekannten Fundplätzen handelt.
Auch in der unmittelbaren Umgebung des Kieswerkes sind mehrere Fundstellen bekannt. Aus diesem Grund musste die geplante Abbaufläche im Vorfeld ausgegraben werden, denn der Kies- und Sandabbau würde die archäologischen Spuren im Boden unwiederbringlich zerstören.
Bei den Ausgrabungen der rund 3200m² großen Fläche wurden die Reste einer Siedlung aus dem 3. bis 5. Jahrhundert nach Christus gefunden. Dieser Zeitraum umfasst die jüngere Römische Kaiserzeit und frühe Völkerwanderungszeit.
Unter den zahlreichen Befunden wie Gruben und Pfostenlöchern, also den Strukturen im anstehenden Boden, die durch Eingriffe der Menschen entstanden sind, können mindestens vier mehrschiffige Langhäuser in Pfostenbauweise und drei Grubenhäuser identifiziert werden. Während die bis zu 20 Meter langen und fünf Meter breiten Langhäuser als Wohn-/Stallhäuser genutzt wurden, dienten die in den Boden eingetieften kleinen Grubenhäuser mit einer Grundfläche zwischen sieben und zwölf m² als Wirtschafts- und Lagerhäuser. In einem Grubenhaus fanden sich deutliche Hinweise auf Textilverarbeitung. 30 flachrunde Webgewichte aus Ton zeigen, dass hier Stoffe mit einem Webrahmen hergestellt worden sind. Die Webgewichte spannten die senkrecht nach unten hängenden Kettfäden am Webrahmen, durch die dann die Schussfäden geführt wurden. In der Römischen Kaiserzeit wurden vorwiegend gewebte Textilien aus Schafswolle produziert. Außerdem fand sich ein Spinnwirtel aus Ton, mit dessen Hilfe an einer Spindel, die er beschwerte, Rohwolle zu Fäden versponnen werden konnte.
Unter den Funden, überwiegend Scherben von Gebrauchskeramik, hebt sich besonders eine große, mit hellen Wellenbändern verzierte, dunkle, opake Glasperle ab. Diese Perlen finden sich zumeist als beigegebene Schmuckperlen in Frauengräbern. Form und Verzierung von Perlen dieser Art sind sehr langlebig Sie haben ihren zeitlichen Schwerpunkt im 4. und 5. Jahrhundert nach Christus. Da sich diese große Perle in einer Siedlungsgrube befand, ist eine Nutzung beispielsweise als Spinnwirtel nicht auszuschließen.
Insgesamt wurden im Vorfeld des Kiestagebaus in Liebersee die Überreste einer ländlichen, sich selbst versorgenden Siedelgemeinschaft ausgegraben. Rötlicher Hütten- oder Brandlehm und verkohltes Getreide zeigen einerseits, dass die Gebäude mit Lehm verputzt waren und Vorratshaltung von Getreide betrieben wurde, aber auch, dass ein Brandereignis stattgefunden haben muss. Ob dies zur Aufgabe der Siedlung führte, können wir derzeit noch nicht mit Gewissheit sagen. Weitere Untersuchungen, wie beispielsweise die C-14-Datierung der botanischen Funde und der Holzkohle stehen noch aus.


Kontakt

Landesamt für Archäologie Sachsen

Pressesprecherin Dr. Cornelia Rupp
Telefon: +49 351 8926 603
E-Mail: info@lfa.sachsen.de
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