Neue Studiengänge für Sorbisch/Wendisch: Lehrkräfte werden im Siedlungsgebiet selbst ausgebildet
27.10.2026, 11:15 Uhr — Erstveröffentlichung (aktuell)
Von der Lehrkräftebildung bis zur Künstlichen Intelligenz: Austausch von Brandenburg, Sachsen und Domowina zur weiteren Stärkung der sorbischen Sprachen
Die Sorbenbeauftragten der Länder Brandenburg und Sachsen sowie der sorbische Dachverband Domowina – Zwězk Łužyskich Serbow | Zwjazk Łužiskich Serbow | Bund Lausitzer Sorben haben heute ihren länderübergreifenden Austausch fortgesetzt. Im Mittelpunkt stand die Ausbildung sorbisch/wendischer Lehrkräfte, die weiteren Verpflichtungen nach der Europäischen Sprachencharta und die Förderung der sorbischen Sprachen in der digitalen Verwaltung.
Anfang Oktober sind an der BTU Cottbus-Senftenberg die beiden Studiengänge Deutsch-Sorbisch/Wendisch und Mathematik-Sorbisch/Wendisch für die Primarstufe gestartet. Fünf Studierende haben ihre Studienplätze angenommen. Das Angebot ist auf die sechsjährige Grundschule in Brandenburg zugeschnitten und wird im Siedlungsgebiet selbst unterbreitet . Für die Lehre konnte die BTU eine Mitarbeiterin gewinnen, die über umfangreiche Erfahrungen in Wissenschaft wie Schulpraxis verfügt. An der Leipziger Ausbildung hält Brandenburg fest: Das Land beteiligt sich weiterhin an der Finanzierung des Instituts für Sorabistik der Universität Leipzig. Das Cottbuser Angebot ergänzt die Leipziger Sorabistik.
Bei der Auswahl eines KI-Assistenten für die Landesverwaltung hat Brandenburg die niedersorbische Sprache zu einem Kriterium gemacht. Seit dem 7. September 2026 läuft in der Landesregierung Brandenburg ein Pilotbetrieb mit LLMoin, einem datenschutzkonform betriebenen Sprachmodell-Angebot des IT-Dienstleisters Dataport. Da perspektivisch auch Kommunen das Angebot nutzen können, wäre ein verlässliches Übersetzungswerkzeug im sorbischen/wendischen Siedlungsgebiet besonders hilfreich. Allgemeine Sprachmodelle antworten auf niedersorbische Eingaben durchaus – nur ist die Qualität nicht geprüft, und Verwaltungssprache kommt in ihren Trainingsdaten kaum vor.
Ein eigenes Übersetzungsprogramm für beide sorbischen Sprachen gibt es bereits: sotra, das die Domowina über ihr WITAJ-Sprachzentrum betreibt, für das Niedersorbische derzeit auf einer Grundlage von rund 270.000 bilingualen Satzpaaren. Brandenburg und Sachsen haben sich darüber verständigt, wie diese Datenbasis gemeinsam verbreitert werden kann – vor allem um Texte aus der Verwaltung, bei denen die Rechtefragen komplex sind – und dass dabei zwischen Ober- und Niedersorbisch zu unterscheiden ist.
Tobias Dünow, Beauftragter des Landes Brandenburg für die Angelegenheiten der Sorben/Wenden: »Verwaltung wird digital, und wer sie digital baut, entscheidet mit, welche Sprachen darin vorkommen. Deshalb finanzieren wir eine Koordinierungs- und Übersetzungsstelle zur Umsetzung des Onlinezugangsgesetzes, deshalb stehen ausgewählte Verwaltungsleistungen auf dem zentralen Landesserviceportal service.brandenburg.de auch in niedersorbischer Sprache zur Verfügung und deshalb haben wir bei der Auswahl eines KI-Assistenten für die Landesverwaltung gefragt, ob er Niedersorbisch kann – und zwar nicht am Ende, sondern als Kriterium. Für eine Sprache mit einer kleinen Sprechergemeinschaft ist das ungewöhnlich, und ich halte es für richtig: Sprachrechte, die nur auf Papier gelten, laufen aus, sobald das Papier verschwindet. Dass die Technik noch nicht fehlerfrei ist, ist für mich kein Argument gegen den Anspruch der sprachlichen Gleichstellung, sondern eine Arbeitsaufgabe – und sie beginnt damit, dass sorbische Texte überhaupt in digitaler Form vorliegen.”
Franziska Brech, Beauftragte der Sächsischen Staatsregierung für Angelegenheiten der Sorben: »Die Digitalisierung der sorbischen Sprachen und ihrer Nutzung in unterschiedlichen Anwendungen ist eine der wesentlichen Zukunftsaufgaben im sorbischen Bereich. Sie ist Chance und Herausforderung zugleich: Durch die Schaffung verlässlicher, rechtskonformer digitaler Sprachtechnologien und Künstlicher Intelligenz wollen wir Sprachräume erhalten, erweitern und neu schaffen, auch in der Verwaltung. Gleichzeitig wird deutlich: Gerade für Minderheitensprachen wie das Sorbische ist der Weg zur digitalen Teilhabe auf Augenhöhe nicht selbstverständlich. Deshalb ist das enge Zusammenwirken innerhalb der Sächsischen Staatsregierung, den sorbischen Akteuren vor Ort sowie der kontinuierliche Austausch mit Brandenburg von großer Bedeutung.«
Dawid Statnik, Vorsitzender der Domowina: »Das verfassungsmäßige Recht des sorbischen Volkes seine Sprache, Kultur und Identität frei und gleichberechtigt zum Ausdruck zu bringen benötigt nicht nur Gesetze, sondern Maßnahmen und ein entschlossenes Handeln aller. Dafür arbeiten wir mit den Ländern Brandenburg und Sachsen, sowie dem Bund zusammen. Wir haben ein klares Ziel: Im Jahr 2100 sprechen 100.000 Menschen die sorbische Sprache. Dass Niedersorbisch nun direkt an der BTU im Rahmen des Lehramtsstudiums studiert werden kann, stärkt die Ausbildung künftiger Lehrkräfte und bringt uns unserem Ziel ein gutes Stück näher. Das begrüßen wir ausdrücklich.”
Weitere Themen des Gesprächs:
- Umsetzung der Maßnahmenpläne: Beide Länder berichteten zum Stand ihrer Pläne zur Stärkung des ober- beziehungsweise niedersorbischen Sprachgebrauchs. Als vorrangig gelten in Brandenburg unter anderem die Attraktivität sorbisch/wendischer pädagogischer Berufe, die Einbeziehung der Sprache beim Aufbau des E-Governments und der Gebrauch sorbischer/wendischer Ortsnamen. Durch den Abschluss der meisten Siedlungsgebietsverfahren ist nun der Geltungsbereich für Maßnahmen rechtssicher geklärt.
- Europäische Sprachencharta: Mit Teil III der Charta übernimmt ein Staat verbindliche Verpflichtungen, eine Minderheitensprache etwa im Unterricht, vor Gericht, bei Behörden und in den Medien zu ermöglichen. Brandenburg will für das Niedersorbische weitere solcher Verpflichtungen zeichnen, Sachsen für das Obersorbische; weil dies über eine Rechtsverordnung des Bundes erfolgt, stimmen beide Länder ihr Vorgehen ab.
Noch bis zum 31. Oktober läuft die Ausschreibung für den Mina-Witkojc-Preis, mit dem das Land Brandenburg alle zwei Jahre herausragendes Engagement für die Anwendung, die Vermittlung und die Weiterentwicklung der niedersorbischen Sprache auszeichnet. Dem steht auf sächsischer Seite der Zejler-Preis gegenüber: Am 9. September 2026 überreichte die Sächsische Staatsministerin für Kultur und Tourismus, Barbara Klepsch, in Kamenz den Zejler-Preis 2026 an Theresia Schön / Rejza Šěnowa für ihre herausragenden Verdienste auf dem Gebiet der sorbischen Bildung, Übersetzung und Publizistik. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis wird ebenfalls alle zwei Jahre vom Freistaat Sachsen für beispielhafte Leistungen beim Erwerb, Gebrauch sowie der Vermittlung der sorbischen Sprache vergeben.
Die Sorben/Wenden sind seit rund 1.500 Jahren in der Lausitz ansässig. Sie haben sich trotz Assimilierungsversuchen früherer politischer Systeme ihre eigenen Sprachen und ihre von zahlreichen Festen und vielfältigem Brauchtum geprägte Kultur bewahrt. Das Obersorbische, das vor allem in der sächsischen Oberlausitz gesprochen wird, und das Niedersorbische in der brandenburgischen Niederlausitz gehören zur slawischen Sprachfamilie; beide sind in Deutschland anerkannte Minderheitensprachen und in den Landesverfassungen beider Länder geschützt. Der Staatsvertrag zwischen Brandenburg und Sachsen vom 28. August 1998 regelt die gemeinsame Errichtung der Stiftung für das sorbische Volk: Finanziert durch Bund und Länder, unterstützt sie Projekte, Bildungseinrichtungen sowie die Pflege der sorbischen Sprachen und Kultur als Teil der Identität der Sorben/Wenden. Die Domowina vertritt als Dachverband die politischen und kulturellen Interessen der Sorben/Wenden.